3 Fragen an Heiko Schwarz

Co-Founder / Managing Director, riskmethods GmbH
heiko-speech

Herr Schwarz, Risiken gehören zum Geschäftsalltag. Warum ist die Bedeutung des Managements von Risiken so rasant gestiegen?

Heiko Schwarz: Die Globalisierung befeuert neue Geschäftsmodelle, Produktionsstandorte, Absatz- und Beschaffungsmärkte. Einkaufsmanager haben oft viele tausend Lieferanten zu betreuen – und das nicht selten auf allen Kontinenten. Hinzu kommt: Der in der Industrie bereits hohe, teils noch steigende externe Anteil an der Wertschöpfung verschiebt die Produkt- und Prozessverantwortung zunehmend auf die Akteure der Lieferkette. Die Abhängigkeit der Kundenseite von der Performance der Supply Chain nimmt also zu – bei zugleich wachsender Risikopalette. Selbst große Unternehmen setzen ihr Unternehmen vielfach großen Gefahren aus, weil Sie kein Licht in ihre intransparenten Strukturen bringen.

Reibungsverluste sind an der Tagesordnung. Besonders Supply Chain Manager haben beinahe stündlich mit kleinen und größeren Kalamitäten zu tun.

Heiko Schwarz: Das ist richtig. Sie kämpfen unermüdlich an allen Fronten und müssen sich vielen scheinbar unvermeidlichen Übeln widmen. Aber: Hier ist vieles reaktiv, was eigentlich proaktiv vermeidbar wäre. In der Automotive-Branche beispielsweise stehen Bänder schon mal mehrfach im Monat still. Dann greifen zwar Pönale, die einerseits den tatsächlichen Schaden nicht ersetzen können und zudem nicht die eigentliche Ursache an der Wurzel packen. Unternehmen müssen grundsätzlich wissen, welche internen und externen Einflüsse den eigenen Unternehmenserfolg mindern oder gar die Wettbewerbsfähigkeit bedrohen.

Viele Einkäufer halten ihre rudimentären Strukturen für durchaus ausreichend. Und auch Geschäftsführer bekennen sich hinter vorgehaltener Hand dazu, erst dann reagieren zu wollen, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist. Motto: „Nicht verrückt machen, vielleicht passiert ja nichts. Das spart Geld.“

Heiko Schwarz: Das ist ein Trugschluss. Separate Excel-Listen mit ein paar vermeintlich auffälligen Lieferanten als Argument ins Feld zu führen ist geschäftsschädigend. Und es reicht auch nicht aus, lediglich die Top 50-Lieferanten zu überwachen, denn meistens besteht das Endprodukt aus nicht verzichtbaren Teilen von kleineren Lieferanten. Die Wertschöpfungstiefe birgt auch in der Tier-2-Ebene und darunter massive Unwägbarkeiten. Beispiel ist die Just-in-time-Anlieferung: Wenn ein vermeintlich unkritisches Teil plötzlich nicht mehr produziert bzw. geliefert werden kann, stockt ad hoc gleich die ganze Fertigung von Komponenten. Wer sich auf Überraschungen einlässt, riskiert horrende Folgekosten.

Nennen Sie bitte konkrete Beispiele.

Heiko Schwarz: Die Reaktorkatastrophe in Fukushima 2011 war die Initialzündung für viele europäische Unternehmen. Dieses Unglück hat zu mehr Sensibilisierung für die Bedrohungen entlang der Lieferkette geführt. Beispielweise wurden die bekannten Kamerahersteller mit ihren japanischen Zulieferern u.a. der optischen Industrie kalt erwischt. Neue Lieferstrukturen aufzubauen, war ein echter Kraftakt. Nach diesem einschneidenden, teils existenzgefährdenden Ereignis begannen so manche auch in anderen Branchen, professionelle Strukturen in Sachen Risikomanagement aufzubauen. Heute wissen die seinerzeit Betroffenen genau: Wir müssen umgehend erfahren, wo welche Gefahrenherde unsere Lieferkette bedrohen. Es geht um jede Minute. Je früher wir dann in der Lage sind, unsere vordefinierten Aktionen anzuschieben, desto weniger Konfusion und ungeplante Kosten.

Welche Risiken müssen Unternehmen im Griff haben oder besser gesagt, analysieren und schadensmindernd managen?

Heiko Schwarz: Das muss jedes Unternehmen für sich beantworten – am besten systematisch. Wichtig ist, genau zu kategorisieren und standardisierte Eskalationsmodelle mit Business Cases zu bestimmen. Dazu gehört eine 360-Grad-Sicht auf das jeweilige Risiko und die Lieferanten sowie kritische Elemente der Lieferkette wie z.B. Seehäfen. Es gilt, das schwächste Glied in der Lieferkette zu identifizieren und dann entsprechend zu stärken. Zu Ihrer Frage: Risiken sind breit angelegt: Outsorcing bringt Gefährdungspotenziale mit sich. Lieferanteninsolvenzen sind ein großes Thema. Der Faktor Politik hat Auswirkungen – Stichworte sind Brexit, Handelszwiste, instabile Regierungen. Die wachsende Zahl der Unruheherde erschwert das Agieren auf den globalen Märkten zusehends. Auch Geo-Risiken gehören auf den Radar. Das kann ein Erdbeben in der Türkei sein oder ein Taifun über Malaysia. Wird im Werk selbst noch produziert, geht oft erst einmal keine Information an den Einkäufer in der Europazentrale raus. Probleme machen aber auch Schlammlawinen oder der über die Ufer getretener Fluss. Die Folge: Der An- und Abtransport wird für längere Zeit unmöglich. Ist die Informationskette lückenhaft, vergehen oft Tage, manchmal sogar Wochen, bevor verlässliche Informationen vorliegen und es zu adäquaten Gegenmaßnahmen kommt.

Was sind die Hauptrisiken? riskmethods hat ja bereits mehrere Umfragen durchgeführt.

Heiko Schwarz: Das sind zum einen Finanzrisiken. Es gibt immer Warnzeichen, die weit über Standard-Finanzratings hinausreichen, Wechsel bei Schlüsselpositionen, Streiks, Änderungen innerhalb der Eigentümerstruktur oder größere Produktrückrufaktionen. Zum anderen ist die Einhaltung bestimmter ethischer und rechtlicher Richtlinien eminent wichtig, denn wenn ein Unternehmen wegen eines Verstoßes gegen die CSR in den Nachrichten stark kritisiert wird, kommt es zu einem teuren Imageverlust. Auch von Menschen verursachte Vorkommnisse liegen an die Spitze potenzieller Risiken. Dazu gehören Brände, Explosionen, Stromausfälle und Evakuierungen. Streiks bedeuten ein weiteres großes Risiko, weil unter Umständen ein Hafen oder ein kompletter Standort zum Erliegen kommt. Und schließlich sind Naturkatastrophen bzw. extreme Wetterereignisse auf der ganzen Welt eine ernsthafte Bedrohung für global agierende Unternehmen. Es gilt also, diejenigen Signale aus dem Rauschen der Datenströme zu filtern, die geeignet sind, risikobehaftete Lieferanten und Standorte zu identifizieren, bevor es zu einer Unterbrechung der Lieferkette kommt.

Manche Geschäftsführer und Einkäufer wenden ein, dass sich Naturkatastrophen nicht vorhersehen lassen.

Heiko Schwarz: Wahrsagen ist kein Bestandteil einer professionellen Toolbox. Es geht vielmehr darum, auch auf außergewöhnliche Ereignisse vorbereitet zu sein, um möglichst geordnet und rasch handeln zu können. Aber um im Bild zu bleiben: Meist kündigen sich Naturkatastrophen an bzw. bestehen Datenmodelle, welche die Häufigkeit/Wahrscheinlichkeit des Eintritts anzeigen. Es gibt unzählige Quellen, die wir weltweit scannen. Die riskmethods-Technologie macht es z.B. möglich, auch in kleinen regionalen Tageszeitungen in fernen Ländern nach Indikationen zu forschen. Tagelange Regengüsse in Malaysia oder prognostizierte Sturmverläufe sind Beispiele für Signale, die es aufzugreifen gilt.

Eine weitere Aussage von Einkäufern ist: „Wir verlassen uns darauf, dass uns unsere Partner bei Problemen informieren. Und wir recherchieren selbst laufend im Internet“. Was entgegnen Sie in dem Fall?

Heiko Schwarz: Ich frage dann z.B. nach den Google-Suchwörtern und wieviel Zeit die Einkäufer eigentlich haben, um hunderttausende Treffer zu „Siemens + Streik“ zu lesen ... Aber im Ernst: Brände sind an der Tagesordnung, nicht nur in der chemischen Industrie. Aber nicht jedes Feuer und nicht jede Explosion schafft es in die Tagesschau. Wer hat vom Brand im Produktionsgebäude der Ems-Chemie in der Schweiz gehört oder gelesen? Von Alessa in Frankfurt oder Dover Chemical in Ohio? Selbst wenn ein Zulieferer in Deutschland betroffen ist, erfahren die Kunden bzw. Einkäufer in der Regel erst Tage später davon. Der Lieferant wird sich im Notfall erst einmal sammeln und Schadensbegrenzung betreiben. Dazu gehört, sich erst dann zu melden, wenn man meint, das Gröbste im Griff zu haben oder aber die Lage aussichtlos ist. Lieferanten sind zwar Partner, aber man muss sie schon im eigenen Interesse laufend überwachen. Darum geht kein Weg daran vorbei, automatisierte Tools für sich arbeiten zu lassen. Wer frühzeitig systemgestützt auf Basis belastbarer Indikatoren Warnungen erhält, kann entscheiden, ob und wann er einschreiten muss, um die Handlungsfähigkeit seines Unternehmens daheim oder an anderen Standorten zu sichern.

Was bringt Intelligentes Supply Chain Risk Management (SCRM) den Unternehmen konkret?

Heiko Schwarz: Die KI-gestützte Risikointelligenz von riskmethods analysiert präventiv, benachrichtigt aktiv und sie stellt alle relevanten Daten über betroffene Lieferanten, Lieferketten und Produktionswerke sofort zur Verfügung. In die Risikobetrachtung werden idealerweise strategische Lieferanten, Sub-Lieferanten sowie logistische Knotenpunkte und Produktionsstandorte eingebunden, um die Risikoüberwachung entlang der gesamten Lieferkette sicherzustellen. Die Unternehmen entsprechen damit auch der ISO Norm aus der jüngsten 9001:2015-Revision. Die erfordert einen ganzheitlichen Ansatz vom Lieferanten bis hin zum Endkunden und beeinflusst damit die Prozesse im Einkauf und in der Supply Chain.

Welche Tools stellen Sie den Unternehmen zur Verfügung?

Heiko Schwarz: Unsere Tools unterstützen die Nutzer in jeder Phase des Risikomanagement-Lebenszyklus. Mit Hilfe des riskmethods-Risikoradar lässt sich das Risiko automatisch identifizieren. Der Impact Analyzer zeigt sehr genau, welche finanziellen und strukturellen Auswirkungen das Risiko auf die jeweilige Lieferkette haben könnte und was die dafür treibenden Faktoren sind. Und der Action Planner schlägt Maßnahmen vor, die das Unternehmen zum präventiven oder reaktiven Beherrschen der Risiken benötigt. Hier sind oft auch andere Abteilungen eingebunden. Die drei Komponenten lassen sich auch einzeln bzw. stufenweise implementieren.

Was bedeutet bei Ihnen Echtzeit, Künstliche Intelligenz und Big Data?

Heiko Schwarz: riskmethods ist durch Einsatz von KI in der Lage, Millionen von Quellen, auch von Drittanbietern, zu überwachen, um auf neue und aufkommende Risiken zu prüfen. Aus Big Data wird strukturierte, werthaltige Information. Mit Hilfe der Recommender-Engine analysiert unsere KI Informationen zu Supply-Chain-Risikoereignissen und bewertet sie auf Relevanz. Über unsere Mobile-Apps hat der User jederzeit und überall einfachen Zugriff auf kategorisierte Informationen – und das ohne Zeitverzug.

Woher weiß das System, was relevant ist?

Heiko Schwarz: Weil wir es seit sechs Jahren trainieren. Wir haben Millionen manuell recherchierter Daten (supervised learnings), eingespeist und dem System mitgeteilt, ob sie relevant oder nicht relevant sind. Basierend auf diesem Training kann die KI die Relevanz selbst bestimmen.

Agiert die riskmethods-Technologie ganz ohne den Menschen?

Heiko Schwarz: Nein, wir lassen die Maschinen nicht alles machen haben - aber einige Bereiche der Risiko-Intelligenz sind voll automatisiert. Insbesondere bei ungenauem Relevanz-Scoring der KI überprüft unser Risk-Research-Team die Informationen und reichert diese zusätzlich an. Eine Warnung wird auch z.B. mit zusätzlichen Informationen wie prognostizierte Sturmschneisen erweitert. Somit stellen unsere Risiko-Analysten sicher, dass wir genau das bereitstellen, was die User wissen müssen und die höchste Relevanz für das Business gegeben ist.

Und für wen rechnet sich die riskmethods-Lösung?

Heiko Schwarz: Im Prinzip kommt jedes Unternehmen in Frage, das zumindest wichtige weltweit angesiedelte Lieferanten überwachen will, das Kosten vermeiden, Lieferfähigkeit sichern, Krisen-Reaktionszeiten bis zu 90 Prozent verkürzen und seine Einkäufer weiter von zeitraubenden manuellen Tätigkeiten befreien will. Wir stellen Best Practice-Stories oder On-Demand Webinare zum Lernen bereit, Beispiele sind AGCO, HBM (jetzt: HBK), Dräger, Hesse Lignal, Huawei, Leica, Stockmeier Chemie, Deutsche Telekom, Mahle oder Swiss Steel.

Das Interview führte:

Sabine Ursel, Journalistin (Wiesbaden) Interview frei zur Verwendung;

Beleg (auch auszugsweise) erbeten an:

su@sabine-ursel.de

bm@riskmethods.net

 

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