Klimawandel bedroht global agierende Unternehmen

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Extremwetterereignisse, Überschwemmungen, Hitzeperioden, Phasen extremer Trockenheit, Waldbrände: Die direkten Auswirkungen des Klimawandels sind immer stärker spürbar. Doch nicht nur die Umwelt leidet. Auch global agierende Unternehmen sind ernsthaft bedroht. Sie müssen sich auf zunehmende klimabedingte Störungen ihrer international eng verflochtenen Lieferketten einstellen. Das geht nicht mehr ohne professionelles Risikomanagement.

Extremwettersituationen werden zur neuen Normalität. Für einen ersten Weckruf sorgte das Jahr 2017. Weltweit gab es laut dem Risk Barometer der Allianz Versicherung Schäden von zirka 330 Milliarden Dollar weltweit durch Naturkatastrophen. In den USA richteten die drei Hurrikane der Kategorie 4+ – Harvey, Irma und Maria – verheerende Schäden an. Schwere Überschwemmungen erschütterten Bangladesch, China, Sri Lanka, Peru und Simbabwe. Tödliche Erdrutsche verwüsteten Kolumbien und Sierra Leone. Extreme Waldbrände zogen über die iberische Halbinsel hinweg, und jahreszeitenunabhängige Trockenheit setzte sich im Mittelmeerraum und Teilen von Afrika und Australien fort. Letzteres wurde außerdem vom Zyklon Debbie hart getroffen.

Und die Intensität von Naturkatastrophen durch die Folgen des Klimawandels wird in Zukunft noch zunehmen. Die Forschung zeigt, dass die Zahl der Klimakatastrophen seit 2000 um 46 Prozent gestiegen ist. 2018 war das viertwärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Für 2019 rechnen die Experten mit einem Rekordwert. Die Folge: häufigere und schwerere Dürreperioden, vermehrter Starkregen, Überflutungen, tropische Stürme und großflächige Waldbrände.

Rückwirkung auf die Lieferketten

Das Umweltbundesamt in Berlin hat die Wirkungsketten des Klimawandels in den wichtigsten Beschaffungsmärkten der deutschen Wirtschaft in der Studie „Folgen des globalen Klimawandels für Deutschland“ einmal genauer untersucht. So wird zum Beispiel für China eine Zunahme an Starkniederschlägen prognostiziert, was zu häufigeren Flussüberschwemmungen führt. Werden dadurch Anlagen oder Transportwege überflutet, muss unter Umständen die Produktion gestoppt werden – und das nicht nur in China. Auch bei den meist weltweiten Kunden und Verbauorten der Abnehmer geraten die abgestimmten Prozesse in Gefahr, insbesondere bei Just-in-time-Produktion. Als besonders klimavulnerable Länder nennt die Studie Thailand, Bangladesch, Indien, Indonesien, Nigeria oder auch Brasilien und beruft sich dabei unter anderem auf den Germanwatch Global Climate Risk Index.

Stürme und Überschwemmungen setzen Gebäuden, Produktionsanlagen und Lagerbeständen in den betroffenen Regionen zu. Mängel in der Infrastruktur verhindern, dass zeitnah Gegenmaßnahmen getroffen werden können. Die Folge sind mitunter längere Versorgungsunterbrechungen für die weltweiten Abnehmer, die von dort beliefert werden. So hatte zum Beispiel ein deutscher Metallhersteller das Werk eines wichtigen Zulieferers in der chinesischen Provinz Hunan als „sicher“ eingestuft, weil es auf einer Anhöhe errichtet wurde. Als es dort zu einer Flutkatastrophe kam, war nicht die Produktion das Problem, sondern die tagelang überschwemmten Zufahrts- und Transportwege. Die Nachricht erreichte den Einkauf des Herstellers erst zwei Tage später. Folge: Die Versorgungskette war unterbrochen und es gab einen Teile-Engpass, der zu stufenweisen Betriebsstörungen führte. Und das ist teuer! Lieferanten melden solche Unfälle erfahrungsgemäß erst mit Zeitverzug. Bei frühzeitiger Information hätte der Metallbauer umgehend einen alternativen Lieferanten aktivieren und damit schneller reagieren können als betroffene Wettbewerber.

Firmen brauchen ein Frühwarnsystem

Unternehmen sind deshalb gut beraten, ein eigenes Radarsystem aufzusetzen, das möglichst frühzeitig Warnhinweise gibt. Denn die deutsche Wirtschaft muss sich in den nächsten Jahrzehnten auf erhebliche klimabedingte ökonomische Risiken einstellen, warnt das Umweltbundesamt. Das gilt insbesondere für die Fahrzeugindustrie: Ein Achtel der importierten Kraftwagen und Kraftwagenteile stammt heute aus besonders klimavulnerablen Ländern. Gleichzeitig ist der Konkurrenzdruck im internationalen Fahrzeugmarkt groß. Deutsche Produzenten sind auf rechtzeitige und qualitativ hochwertige Lieferungen angewiesen. Zudem ist dieser Wirtschaftssektor über die gesamte Wertschöpfungskette hochspezialisiert. Lieferanten und Produktionsstandorte sind kurzfristig kaum zu ersetzen.

Im Allianz Risk Barometer gehören ökologische und klimabedingte Risiken deshalb neben Betriebsunterbrechungen und Cybervorfällen zu den drei größten Bedenken bei den befragten Unternehmen. Alison Martin, Risikovorstand der Zurich-Versicherungsgruppe, empfiehlt Unternehmen, eine Klimaresistenz-Strategie zu entwickeln. „Unsere Analyse zeigt, dass das Ziel, die globale Erwärmung auf unter zwei Grad Celsius zu begrenzen, wahrscheinlich nicht zu erreichen ist. Unternehmen sollten sich deshalb auf die Folgen einstellen. Sie müssen das Ausmaß ihres Klimarisikos kennen, um entsprechende Gegenmaßnahmen zu planen.“

Das meint auch Heiko Schwarz, Gründer der riskmethods GmbH in München, ein Marktführer im Bereich Supply Chain Risk Management: „Klima- und Georisiken gehören, wie andere Gefährdungen der Lieferkette, unbedingt auf die Agenda der Unternehmen. Oberstes Ziel ist, Risiken zu minimieren, verbunden mit einer frühzeitigen Information über alle latenten Gefahrenherde. Dazu zählen auch die zweite und dritte Stufe der Lieferkette.“ Doch viele Unternehmen sind auf diesem Auge blind. Nach einer aktuellen Untersuchung von riskmethods in Zusammenarbeit mit dem Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik e.V. (BME) überwachen vier von fünf der befragten Einkaufsmanager ihre Sublieferanten gar nicht. Dazu zählen auch neuralgische Logistikknotenpunkte wie Häfen, Flughäfen oder Engpassregionen sowie Standorte von Lagern und Distributionszentren.

Automatisierte Risikoerkennung

Durchgängige Risikoüberwachung setzt voraus, enorme Datenmengen aus dem Internet und aus Expertendatenbanken rund um die Uhr zu durchleuchten. Viele dieser Informationen sind unstrukturiert und ohne hochentwickelte Systeme nicht zu verarbeiten. „Unternehmen sollten eine Software nutzen, die in der Lage ist, gestützt auf Verfahren der Künstlichen Intelligenz aus diesen Millionen von Daten genau diejenigen Informationen in Echtzeit herausfiltern, die den jeweiligen Gefährdungsgrad frühzeitig erkennbar machen und sie auf Relevanz bewerten. Das ermöglicht eine automatische Risikoüberwachung von 100 Prozent. Niemand kann einen Hurrikan oder eine Flutkatastrophe verhindern und langfristig voraussehen. Aber mit der richtigen Technologie lassen sich zumindest die Anzeichen frühzeitig erkennen und mögliche Auswirkungen minimieren,“ so der Risikoexperte Heiko Schwarz.

Ein solches digitales Risikoradar sollte Informationen automatisiert mit vorab definierten Schwellenwerten für die Risikolage (niedrig-mittel-hoch) und Kritikalität jedes Lieferanten abgleichen können, um im Krisenfall umgehend Warnmeldungen zu generieren. Wenn das System akute Bedrohungen verbunden mit dem möglichen Schadensausmaß sozusagen „interpretieren“ kann, können Risikomanager angemessene reaktive beziehungsweise präventive Maßnahmen in Gang setzen und einem drohenden Versorgungsengpass mit alternativen Bezugsquellen oder Umplanung der Logistik begegnen. Einkäufer und Lieferantenmanager in den Unternehmen sollten ihr Risikomanagement deshalb kritisch überprüfen. Auch wenn sich Naturkatastrophen nicht vermeiden lassen: Entscheidend ist, wer im Krisenfall am schnellsten reagieren kann.

Volker Haßmann, Journalist

04.09.2019

Interview frei zur Verwendung; Beleg (auch auszugsweise) erbeten an: vhassmann@t-online.de bm@riskmethods.net

 

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