Lieferanten funken SOS

Finanzielle Notlagen um 119% gestiegen – Hersteller müssen Ausfälle kompensieren

07.05.2020

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München, 07.05.2020 - Hersteller stehen vor neuen Problemen: Wichtige Lieferanten funken SOS und drohen als wichtige Glieder der Lieferkette über kurz oder lang auszufallen. „Die Warnzeichen für finanzielle Notlagen sind seit Jahresbeginn bei Lieferanten um 119% gestiegen; allein 73% aller Fälle traten im März und April auf“, sagt Heiko Schwarz, Geschäftsführer und Gründer der riskmethods GmbH (München).

riskmethods, führender Software-Spezialist für das Risikomanagement von Lieferketten, registriert im Stundentakt Frühwarnsignale für die wachsende finanzielle Instabilität von Lieferanten aller Branchen. Die monatliche Wachstumsrate der Force Majeure-Anzeigen (Nichterfüllung von Lieferung/Leistung aufgrund „höherer Gewalt“) hat danach von Dezember bis jetzt um 123% zugenommen, mit einem dramatischen Anstieg von 200% im März. Die Quote der Post-Corona-Bedrohungen ist in den vergangenen 90 Tagen um den Faktor 4,3 gewachsen. Indikatoren: schwerwiegende Einnahmenrückgänge und revidierte Wachstumsperspektiven. Die Nachfrageseite sieht sich überdies mit Kostensteigerungen durch Rettungsprogramme für ihre Zulieferer konfrontiert.

Während die Anwälte derzeit Hochkonjunktur wegen rechtlicher Folgen von Force-Majeure-Anzeigen haben*, sorgen sich die Unternehmenslenker um Business Continuity, also die Wiederaufnahme und Aufrechterhaltung ihrer Geschäftstätigkeit im anhaltenden Krisenfall. Das Maßnahmenmanagement muss u.a. fehlendes Produktionsmaterial, Preis- und Kostensteigerungen abfedern. Zudem ist umgehend zu analysieren, welche Lieferpartner bereits instabil sind oder demnächst insolvent zu gehen drohen. Gleichzeitig ist zu bewerten, welcher Lieferant durch den Hersteller (also die Kundenseite) finanziell gestützt werden sollte, um die eigene Handlungsfähigkeit zu sichern.

Transparenz schaffen – Einflüsse und Auswirkungen verstehen

Einkaufende Unternehmen kommen durch die unerwartet eingetretene Marktkonsolidierung in die Bredouille. Geraten Lieferanten in finanzielle Notlage und können sie Verträge und andere Leistungsversprechen nicht mehr erfüllen, wirkt sich das kaskadenartig auf die gesamte eng verwobene Lieferkette aus – oft über viele Monate oder gar Jahre hinweg. Besonders kritisch wird es, wenn ein havarierter Zulieferer ein Alleinstellungsmerkmal geboten hatte oder bisher einziger qualifizierter Partner des Kunden war (Single Sourcing). Ausfälle müssen jetzt durch entsprechende Ausweichstrategien kompensiert werden. Welche Kapazitäten lassen sich umverteilen? In welchen nicht betroffenen Regionen lassen sich zusätzliche Materialien aktivieren? Welche Transportwege sind barrierefrei? Einkäufer brauchen umgehend einen belastbaren Überblick. Jede Minute ist kostbar. Voraussetzung ist Transparenz in der Lieferkette. Aber daran mangelt es vielen Unternehmen. Risikomanagement hatte vielfach bisher keine Priorität.

Heiko Schwarz: „Unternehmen müssen die Auswirkungen auf Produktion und Lieferung von Waren verstehen. Je früher man erkennt, was passiert, desto schneller kann man reagieren und Risiken mindern, das heißt präventiv vermeiden und so einen Wettbewerbsvorteil erzielen. Transparenz wird aber nur durch ein systematisches automatisiertes Frühwarnsystem sowie Analytik zwecks Präventionserkennung hergestellt. Das macht Szenarien beherrschbar und ermöglicht konkrete Handlungsempfehlungen. Nur so werden Unternehmen weniger anfällig und Mitarbeiter handlungssicherer.“

Beispiel: AGCO

Der Landmaschinenhersteller AGCO Corp. (Tochter u.a. Fendt) setzt auf die modulare KI-Lösung von riskmethods. „Als das Coronavirus Norditalien erfasste, wussten wir sofort, welche Lieferanten betroffen waren. Durch frühzeitiges Maßnahmenmanagement konnten wir noch vor den Wettbewerbern auf alternative Lieferanten ausweichen und den Geschäftsbetrieb bis zu sieben Tage länger aufrechterhalten“, sagt Josip T. Tomasevic, Senior Vice President und Chief Procurement Officer (Global Purchasing and Materials Management) bei AGCO.

In Echtzeit empfangen AGCOs Risk Manager und eingebundene Einkäufer via PC und Smartphone rund um die Uhr Risikosignale und belastbare Informationen, die riskmethods aus Millionen globaler Datenquellen filtert und mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz individuell für AGCO aufbereitet. Anhand von Alerts, Analytik und einem Ampelsystem sind die Verantwortlichen in der Lage, den Grad der Betroffenheit ad hoc zu bewerten. Sie können ohne Zeitverzug zweckmäßige Maßnahmen einleiten, die zuvor proaktiv definiert wurden. Das Frühwarnsystem umfasst eigene Standorte, weltweite Hubs und bildet auch die aktuelle Situation wichtiger Lieferanten ab, deren Havarie sich bedrohlich auswirken könnte.

Heiko Schwarz: „Die Corona-Pandemie zeigt die Notwendigkeit, die Risikoexponierung der Versorgungsbasis besser zu verstehen. Eine zu große Abhängigkeit von einer kleinen Gruppe Lieferanten oder von einem einzigen Land bringt die Lieferkette schnell erneut ins Wanken. Ohne Transparenz in der Lieferkette handeln Unternehmen nicht nur unprofessionell, sondern fahrlässig. Lieferketten sind global exponiert.“

Hintergrund

Force Majeure: Diffiziles Wording, komplizierte Beurteilung

Unternehmen berufen sich bei Force-Majeure-Anzeigen auf Vertragsklauseln, wonach „höhere Gewalt“ zur Nichterfüllung der Leistungspflicht geführt hat. Hier: befohlener Lockdown. Aus dieser Konstellation erwachsen diffizile Rechtsfragen, etwa: vereinbartes Recht (deutsches Recht, UN-Kaufrecht/CISG, chinesisches Recht etc.), Geltungsbereich, Anwendungsbereiche, objektiver Umstand im Gegensatz zu subjektivem Willen, Schadensersatz, Gegenleistung oder Rücktrittsrechte.

Das deutsche Recht kennt den Begriff „Force Majeure“ nicht; auch „höhere Gewalt“ ist kein abschließend definierter Begriff. Das BGB beschreibt hingegen die „Unmöglichkeit“. Nach § 275 (1) BGB ist der Anspruch auf Leistung ausgeschlossen, soweit diese für den Schuldner oder für jedermann unmöglich ist. Es besteht überdies ein Leistungsverweigerungsrecht, auch wenn die Leistung einen Aufwand erfordert, der in einem groben Missverhältnis zu dem Leistungsinteresse des Gläubigers steht. Und dabei ist auch zu berücksichtigen, ob der Schuldner das Leistungshindernis zu vertreten hat.

Das UN-Kaufrecht (CISG = United Nations Convention on Contracts for the International Sale of Goods) behandelt den Umstand Force Majeure in Art. 79. Danach sind Epidemien und auch Blockaden und Schließung von Transportwegen vom Grundsatz her anerkannt. „Maßgeblich ist aber die jeweilige Betroffenheit einer Vertragspartei im Einzelfall“, betont Janik Goßler, Rechtsanwalt bei Noerr LLP (Frankfurt).

Am 2. Februar 2020 hat das CCPIT (China Council for the Promotion of International Trade) einem chinesischen Unternehmen ein Zeugnis für Force Majeure für den internationalen Geschäftsverkehr wegen des Coronavirus erstellt. Janik Goßler: „Das ist der Nachweis einer Tatsache, aber keine rechtliche Bewertung. Es bleibt im Einzelfall zu prüfen, ob aufgrund von COVID-19 ein Fall von Force Majeure vorliegt.“

Coronavirus Supply Chain Visibility Kit

riskmethods stellt mit dem Coronavirus Supply Chain Visibility Kit einen temporären Service bereit: Unternehmen gewinnen einen schnellen Überblick, wie und wo sich die Folgen der Virusausbreitung auf globale Versorgungsketten auswirken. Das „out-of-the-box“-Tool ist innerhalb von 48 Stunden einsatzbereit, erkennt Risiken in Echtzeit und ermöglicht die laufende Überwachung von Störungen bei Lieferanten, Häfen, Flughäfen sowie in Ländern und an Grenzen im Zusammenhang mit COVID-19.

Weitere Informationen zum Coronavirus Supply Chain Visibility Kit finden Sie hier.

Anfragen:
Birgit Müller 
Tel. +49 89 9901 648-20 
bm@riskmethods.net

 

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